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Von Pamplona nach Burgos

Dieter Spöth

 

Erster Tag, Pamplona

 Wer klug ist, begeht die Sünde, bevor er sie erkennt. Pilger, die auf dem Jakobsweg ein Stück auslassen, machen sich Vorwürfe und sinken im Ansehen der anderen. Die Pyrenäen-Überquerung spare ich mir, bevor es überhaupt losgeht. Den offiziellen Startpunkt des "Camino" in Saint-Jean-Pied-de-Port werde ich nie sehen. Zu groß ist die Angst, gleich zu Beginn an der Überquerung der Pyrenäen zu scheitern. Außerdem möchte ich die euphorischen Pilger in den überfüllten Herbergen von Roncesvalles und Larrasoana meiden. Das Einordnen in den Laufpulk, die Reibereien am Start, all das will ich umgehen, bequem umgehen mit einer Fahrkarte von Bordeaux nach Pamplona. So umfahre ich die Gebirgskette an der Küste entlang und durchquere mit der Bahn das Baskenland. Durch die Zugfenster sehe ich spielende Kinder am Strand und die Pyrenäen im Nebel.  

 In Pamplona habe ich die Pyrenäen überwunden, aber nicht die Furcht an den Herausforderungen zu scheitern. So sitze ich abends in einer Tapas-Bar, grüble und blättere nervös in meinem Reiseführer. Auch wenn das Bier süffig ist und gut zum Schmorgemüse passt, fühle ich mich unwohl. Da ist schon wieder ein Berg, morgen, auf der ersten Etappe, der Alto del Perdón. Zu Pamplona nur dreihundert Meter Höhenunterschied, und dennoch wird der Abstieg als besonders schwierig und unangenehm beschrieben. Wieso liegen die zwei schwierigsten Etappen gleich am Anfang des Weges? Ich frage mich, ob ich alternativ den Bus nehmen soll, um mich nach den Pyrenäen auch um den Alto del Perdón zu drücken. Aber wann würde ich dann endlich beginnen zu pilgern? Bisher habe ich mich vor allem in den Innenstädten von Bordeaux und Pamplona verlustigt. Aber bin ich deshalb gekommen? Um zu shoppen und um in Kneipen auf das flimmernde spanische Fernsehen zu starren?

 Ein bisschen trunken vom gefälligen Bier gehe ich zurück in meine Pension in der Calle Nuevo. Bei der offiziellen Pilgerherberge war ich zwar gewesen, aber die 12-Bett-Zimmer haben mich dann doch abgeschreckt. Außerdem fühle ich mich noch nicht als Pilger, eher als europäischer Reisender. Vor dem Schlafen, entscheide ich mich, einen weiteren Tag in Pamplona zu bleiben.

Tapasbar in Pamplona

 

Zweiter Tag, Pamplona -  Puente la Reina

Als ich am nächsten Morgen aufwache, spüre ich das unbedingte Bedürfnis zu laufen, loszugehen, jetzt sofort und ohne weiteren Aufschub. Zu lange habe ich diesen Moment hinausgezögert. Innerhalb von fünf Minuten packe ich alle Sachen zusammen, lasse die Zimmerschlüssel an der Tür, und laufe ohne Frühstück und ohne mich umzusehen aus der Stadt. Die gelben Pfeile zeigen den Weg. Die Stadt liegt hinter mir, als ich vor der Stadt auf dem schattigen Campus der Universität Pamplona stehe. Ein weitläufiger Campus, von dem man tief nach Navarra schauen kann. Natürlich sehe ich auch den Alto del Perdón, vor dem ich gestern noch Angst hatte. Im Verwaltungsgebäude der Universität bekomme ich einen Pilgerpass und meinen ersten Stempel. Eine große Jakobs-Muschel auf sattem blauen Grund. Jetzt bin ich offiziell Jakobs-Pilger und mein Ziel liegt im Westen. 

 Schnell bin ich auf dem eigentlichen "Camino". Ein Kiessteinweg, der sich durch die grüne Landschaft Navarras schlängelt, gesäumt von Klatschmohn und kleinen Bäumen. Links und rechts fließen riesige Weizenfelder ins Land. Ich laufe unverändert schnell, so dass die anderen Pilger an mir vorbeiziehen. Erst beim zweiten Anstieg am Alto del Perdón werde ich ein bisschen langsamer und auch stutzig. Denn vor mir läuft ein alter Franzose. Er hat einen viel zu großen Rucksack, der schief auf seinem Rücken hin- und herrutscht. Er geht in Sandalen und humpelt. Ich spreche ihn an und frage ihn, wie er das schaffen konnte, vor mir zu sein. Ich hätte ihn doch auf dem Campus schon gesehen und auch überholt! Der alte Mann lächelt und erzählt mir von einer petite camionette, einem Kleintransporter, der ihn ein Stück mitgenommen hätte. Darauf sage ich ihm, dass ich keine camionette gesehen hätte und eher an ein Wunder glaube. Er lacht und antwortet: „Wunder sind schön, die Leute lieben Wunder, sie geben ihnen Hoffnung!“ Nach einem Moment verabschiede ich mich mit dem guten Gefühl, nicht wie die Emmaus-Jünger auf das Nachfragen vergessen zu haben. Kurze Zeit später blicke ich noch einmal zurück, aber sehe ihn schon nicht mehr. 

Die Bäckerei von Zariquiegui

  Nach einer weiteren Stunde Aufstieg komme ich durch Zariquiegui, einer kleinen Ansammlung von Häusern mit einem Bäckerei-Kiosk, um den die Pilger wie Steppentiere im Schatten rasten. Ich merke, dass ich seit drei Stunden laufe und weder getrunken noch gegessen habe. Seit Tagen verspüre ich jetzt wieder ein bisschen Hunger. Tatsächlich hat mich ein persönlicher Schmerz auf den Camino geführt, der mich bisher ständig appetitlos machte. Nun kaufe ich mir einen frisch gepressten Orangensaft, ein Joghurt mit Pfirsichgeschmack und zwei Früchte für den Weg. In der Schlange lerne ich drei Pilger aus Niederbayern kennen. Sie sind evangelische Christen und pilgern nicht aus esoterischen oder gesundheitlichen Gründen, nicht weil sie eine Midlife-Crisis erwischt hat. Nein, sie wollen einfach nur laufen und lesen jeden Tag ein Stück aus der Bibel, am Wegesrand. Ich mag die Gruppe und gehe ein Stück mit ihnen. Ich mag ihren Dialekt und ihre herzliche Art. Irgendwie nehmen mir die Alpenbewohner die restlichen Bedenken vor dem Alto del perdón. Auf dessen Höhenkamm starken weiße Windräder in den Himmel. Die Landschaft fließt weich nach oben, und mit jedem Schritt atme ich die frische Luft. Der Aufstieg ist einfach, die Pilger laufen unbeschwert. Am Gipfel angekommen, ist es noch schöner. Dicke freundliche watteweiße Cumuluswolken ziehen über den Kamm und scheinen mich berühren zu wollen.

Alto del Perdón

 Ein leichter Wind weht und wieder lagern die Pilger. Diesmal um einen mobilen Imbisswagen herum, wo man Blasenpflaster und aufgebrühten Nescafé kaufen kann. Man hat auch ein Kunstwerk aufgestellt - die Profile von Don Quijote und Sancho Panza. Sie reiten in Richtung der Windräder. Während die Niederbayern noch das Panorama genießen, höre ich zwei Engländerinnen über den Stempel des Imbisswagens sprechen. „Stars, ...stars“, sagen sie immer wieder, „...stars“. Sofort hole ich mir auch einen Stempel und betrachte ihn faszieniert. Es ist wahr, der Stempel ist einzigartig und vielleicht der schönste auf dem ganzen Weg. Er besteht nur aus Sternen, einfachen formschönen Sternen. Es gibt große und kleine, so dass sie räumlich wirken.       

Stempel

 Auf dem Abstieg komme ich mit einer der Pilgerinnen aus Bayern richtig gut ins Gespräch. Alles ist unglaublich leicht. Ich wundere mich über das harte Urteil meines Reiseführers. Von Geröllhalden keine Spur, nur ein paar lose Steine. Steil ist es nur in Maßen und anstrengend überhaupt nicht. Umso unterhaltsamer ist das Gespräch mit meiner Begleiterin. Am Ende des Abstiegs höre ich mich ausrufen: „Was für eine leichte Etappe!“ Zwei ältere Frauen, die ziemlich mitgenommen ausschauen, brechen in ein leidgeprüftes Lachen aus. Soviel Optimismus und gute Laune scheint ihnen grotesk. Dennoch, der Alto del perdón hat seinen Schrecken verloren und hat mir ohne Not Angst gemacht. Am Ortseingang von Puente la Reina verabschiede ich mich von meiner Bekanntschaft, die zurückbleibt, um auf ihre Freunde zu warten. Auch wenn ich an diesem Abend noch nicht in der Herberge einkehre, beschließe ab dem nachfolgenden Tag keine Hotels mehr aufzusuchen. Ich bin nun Pilger.  

 

IMG_2942 Kopie    Navarra

 

Dritter Tag,  Puenta La Reina – Estella

 Am nächsten Morgen verlasse ich möglichst schnell das Hotel und ziehe weiter. An diesem Tag will ich nach Estella, wo auch immer das ist - ich folge einfach den gelben Pfeilen. Die Landschaft ist wirklich atemberaubend. Die kühle Morgenluft macht alles klar.  Die Pflanzen atmen grün. Pünktlich zum Mittagsläuten laufe ich in Lorca ein, wo es zwei Bodegas gibt. Ich setze mich an die Bar und trinke eine kühle Gaspaccio. Dazu bestelle ich mir Schinken und Käse. Die Bodega ist gut besucht und es geht heiter und ausgelassen zu. Alle bestellen, als ob es schon Abend und die Tagesetappe geschafft wäre. Die gute Stimmung und der schmackhafte Schinken führen auch bei mir zu einem Hochgefühl. Mitten in der Bodega stehen einige Japaner und versuchen zu bezahlen. Obwohl sie damit keinen Erfolg haben, finden sie dennoch Spaß an der unbeschwerten Pilgerrast. Wie exotisch ihnen das alles erscheinen muss! Zuhause werden sie sicher erzählen, die Menschen in Europa seien so frei, dass ihnen sogar Rechnungen egal sind. Die Tochter der Wirtin kommt dann aber doch noch mit der Börse.    

Jamon und Gaspaccio

 So gut gelaunt setze ich meinen Weg fort und wandere nun ziemlich alleine den ganzen Nachmittag bis nach Estella. Am Ortseingang ragt die Iglesia de San Pedro de la Rúa in den Himmel und auf der Suche nach der passenden Herberge lerne ich wieder jemand kennen. Das Mädchen kommt aus Berlin und ist mit dem Fahrrad unterwegs. Wie ich, ist sie von Pamplona gestartet und sucht ebenfalls nach einem refugio. Zusammen schauen wir durch die Stadt, bis wir auf eine ultramoderne Herberge stoßen, die im Führer mit drei Jakobsmuscheln ausgezeichnet ist. Da sie aber am Ortsausgang liegt, gibt es nur wenige Pilger. Umso mehr freut sich der Koch, dass wir bei ihm essen wollen. Es gibt einfaches, aber richtig gekochtes Essen - Schweinebäckchen mit Tomatensoße, Rührei mit gegrilltem Gemüse, spanischen Käsekuchen mit Mandellikör. Ich frage die Berlinerin, ob sie eine religiöse Motivation für ihre Pilgerfahrt habe. Darauf antwortet sie: „...eine spirituelle“. Ich finde die Unterscheidung schön und merke sie mir. Das Mädchen trägt auch einen Stein um ihr Handgelenk und ich erfahre, dass sie ihn nach Santiago bringen will, um so eine Last abzuwerfen. Da sie nicht mehr erzählt, frage ich auch nicht weiter. Trotzdem freue ich mich, dass sie diese Reise macht. Mit dem Fahrrad ist sie natürlich viel schneller als ich und ich werde sie deshalb später nicht mehr sehen. 

Iglesia de San Pedro de la Rúa in Estella

 

Vierter Tag, Estella – Los Arcos

 Das nächste Ziel heißt Los Arcos. Der Camino schlängelt sich romantisch durch einen Pinienwald, wo ich ein paar Schritte mit zwei Australiern gehe. Sie sind schon weit im dritten Alter und gehen sehr gemächlich. Alle zwei Kilometer machen sie Pause, trinken Tee und essen Biskuit. Sie erzählen mir, dass es in ihrer Stadtbibliothek in Melbourne ein ganzes Regal über den Jakobsweg gäbe. Bei der nächsten "Spelltime" verabschiede ich mich. In la Perla Negra sehe ich die beiden aber noch einmal. Sie sitzen vor einer Bodega, wo es in Schinken gewickelte Käsestücke mit Olivenöl gibt. Zusammen mit dem frisch gepressten Orangensaft, die passende Kraftnahrung für die ständig hungrigen Pilger. Während ich Kalorien bunker, sind die Australier in ein höfliches Gespräch mit zwei Briten aus Wales vertieft. Sie scheinen alle Zeit der Welt zu haben. Anders als sie, möchte ich an diesem Tag aber Strecke machen und breche auf, während sich der Commonwealth noch einen Likör genehmigt und die Pause in der Morgensonne ausdehnt. 

 Ich laufe anderthalb Stunden, bis mir zwei junge Brasilianerinnen auffallen, die ordentlich bepackt und mit festen Wanderstiefeln gemächlich aber sehr kontinuierlich voranlaufen. Wenig später lernen wir uns kennen. Mitten in der Landschaft steht ein Imbisswagen auf Rädern. Ein spanisches Paar hat einige Tische und Stühle aufgestellt und verkauft Sandwiches und Getränke. Mehr oder weniger alle Pilger machen Rast, denn das mobile Bistro ist auf lange Sicht der einzige Versorgungsposten und steht genau im Mittags-Zeitfenster der Pilger aus Puenta la Reina. Die Brasilianerinnen sind herrlich aufgeschlossen und haben keinerlei Berührungsängste. Schnell sprechen wir über dies und das und ich erzähle mehr von mir als mir lieb ist. Aber richtig schlimm ist das nicht, denn auf dem Camino ist sowieso alles persönlich und die täglichen Anstrengungen machen demütig. Jeder hat seine ganz eigene Motivation, sich diesen Hadsch anzutun. Ich bin dankbar für so viel Freundlichkeit, die mir durch die verspiegelten Sonnenbrillen entgegenströmt. Die zwei jungen Frauen aus Brasilien sind extrem tough und sehr stark und ich denke mir noch, dass ich auch so eine Brille mit Goldrahmen brauche.    

Ein bisschen weiter sitzt im Schatten eine Gruppe Südkoreaner. Ich sehe sie hier zum ersten Mal und werde sie später noch besser kennenlernen. Der Jakobsweg ist voll von katholischen Südkoreanern, für die Spanien so eine Art „Geheimtipp“ sein muss. Irgendwie scheinen sie aber nicht so oft angesprochen zu werden. Bei der nächsten Pause ändere ich das und sie sind wirklich erfreut, dass man sich interessiert. Wir finden sogar etwas, über das wir herzlichen lachen können. 

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 Am Nachmittag bin ich lange Zeit ganz alleine auf dem Weg. Es geht durch endlos weite Weizenfelder. Die Sonne hat auch schon im Frühling ordentlich Kraft. Im August muss der Weg die Hölle sein. Nach einiger Zeit erreiche ich endlich Los Arcos. Wie immer lasse ich die erste Herberge der Stadt links liegen und gehe weiter bis zu einer albergue, die mit einem schattigen Garten wirbt. Tasächlich ist die Herberge sehr bequem und unkompliziert. Bevor ich in die Stadt gehe, wasch ich noch die Wäsche unter der Dusche. Das geht nebenher und ist überraschend einfach. In der Nachmittagssonne trocknet alles schnell. Wenn man täglich wäscht, braucht man fast kein Gepäck. Mit nur fünf Kilo ist mein Rucksack einer der leichtesten. Ich verstehe die Pilger nicht, die mit 15 Kilo und mehr laufen. Was ist ihr Ziel? Wir wollen alle nach Santiago und nicht nach Golgotha. 

Herberge in Los Arcos  Garten

 In Los Arcos ist dann auf dem Platz vor der Kathedrale allerhand los. Kleine Bodegas und Restaurants säumen den Ort und ich esse eine leckere Paella mit Salat. Dazu zwei oder drei Gläser Wein. Von meinem PLatz aus, sehe ich ein Plakat für eine Ausstellung im örtlichen Kulturhaus. Es geht um moderne zeitgesnössische Druckgrafiken. An der Kathedrale vorbei, wo gerade die Abendmesse gelesen wird, gehe ich weiter zum Kulturhaus. Der Eintritt ist kostenlos und man freut sich über mein Interesse. Einige Werke sind wiklich sehr freizügig. Ich sehe mir alles an und wundere mich über so viel Aufgeschlosseheit weitab der großen Städte. Ich hatte eher Landschaftsmotive oder Folklore erwartet.   

Kirche von Los Arcos   IMG_3074 Kopie

Zurück in der Herberge, lerne ich noch zwei französiche Pilger mittleren Alters kennen, die jedes Jahr auf dem Camino gehen. Sie sind zwar ein bisschen grummelig, wissen aber, dass man Kontakte aufbauen muss, um auf dem Camino gut durchzukommen. Da ich aber auch nicht als Netzwerker bekannt bin, lasse ich sie bald in Frieden. Ich werde sie noch ein paar Mal treffen. Sie werden immer grummelig bleiben ohne jemals unfreundlich zu sein.   

 

Fünfter Tag, Los Arcos – Logroño

 Mit 28km ganz sicher die härteste Etappe. Am Morgen gibt es in Torres Del Rio eine außergewöhnliche Kirche zu besichtigen. Der Eintritt kostet zwei Euro und dafür wird eine romanische Christusfigur geboten, ansonsten ist die Kirche leer. Die Figur ist aber mehr als beeindruckend. Der romanische Christus ist einfach, bescheiden und inspirierend. Die friedvolle Figur füllt den ganzen Raum. Auch die Bilder knipsenden Pilger, das Kommen und Gehen ändern nichts daran. Alles bleibt still und friedlich.

Torres del Rio

 Bewegt verlasse ich die Kirche und laufe bis nach Viana, wo ich gegen zwei Uhr nachmittags ankomme. Viana ist eine spätmittelalterliche Kleinstadt und kunsthistorisch ein echtes Juwel. Trotzdem kümmere ich mich zuerst einmal um mein Mittagessen, bevor ich mich auf Besichtigungen einlasse. In einer Seitengasse zur Hauptstrasse stehen zwei schmale Tische auf dem Trottoir und ich setze mich einfach. Junge Leute betreiben das Lokal und sind sehr freundlich. Sie erklären mir das Mittagsmenu, das es auch jetzt um halb drei noch gibt. Ich esse Linsensuppe und wieder Paella. Außerdem wird mir eine offene Flasche Rioja schwungvoll auf den Tisch gestellt. Man kann es nur so verstehen, dass man sich einschenkt, so wie es beliebt, dass es aber nicht mehr gibt als auf dem Tisch steht. Mir ist das sehr recht und parallel zum Essen tippe ich wieder Geschichten in mein Handy.

Linsensuppe Bischöfliches Palais

 Nach dem Essen in der schattigen Gasse, mache ich vielleicht den größten Fehler meiner Reise. Anstelle im pittoresken Viana zu bleiben und in der vornehmen albergue Quartier zu beziehen, entschließe ich mich, vom guten Wein ermuntert, weiter bis nach Logroño zu laufen. Dort komme ich erst am Abend und vollkommen erschöpft an. Ich bemerke sehr schnell, dass die Hauptstadt der Region Rioja bis auf das letzte Bett ausgebucht ist. In der Stadt wimmelt es nur von Spaniern, die alle für eine Fiesta gekommen sind, die auf dem zentralen Platz mit Flamenco zelebriert wird. Außerdem scheinen unzählige Junggesellenabschiede stattzufinden. Ich sehe diverse Gruppen, und verliere im übrigen die letzten freien Betten der städtischen albergue an vier junge Männer aus Bilbao, die anhand ihrer T-Shirts als Feiertouristen gut zu erkennen sind. Dass ich 30 km gelaufen bin, interessiert das Mädchen an der Herbergsrezeption nur wenig. Ungleich mehr scheint sie die Feierlust der Leute aus Bilbao zu inspirieren. Diese ziehen mit spanischen Bier gut versorgt aus der Herberge ins Nachtleben und werden frivol verabschiedet. Völlig erschöpft und deprimiert sinke ich auf einen Stuhl und kann erst mal gar nichts mehr tun oder denken. Zum ersten Mal auf meiner Reise bin ich verzweifelt. Wie aus der Ferne höre ich plötzlich einen älteren Mann zu mir sprechen, der mich um Hilfe bei der Menuführung seines Handys bittet. Da es eine Pilgerreise ist, und ich stolz bin, dass er gerade mich fragt, helfe ich ihm. Es geht schnell und als es fertig ist, erkenne ich erst, dass es sich bei dem Mann um den humpelnde Franzose handelt, der so viele Abkürzungen kennt. Als ich ihn erkenne, lächelt er mich freundlich an und sagt mir, ich solle mir wegen des Schlafplatzes keine Sorgen machen. In der Kirche Santiago Real würde gerade ein Matratzenlager eingerichtet. Fünf Minuten von hier – Kost und Logis frei. Ich blicke ihn lange an und weiß nicht, was ich sagen soll. Schließlich entscheide ich mich nicht weiter zu fragen. Sicher kennt er irgendwelche Leute, zufällig ist dies oder das passiert, unvorhergesehen... 

Fünfzehn Minuten später klingel ich am Pfarrhaus. Eine in zivil gekleidete Ordensschwester macht mir auf, verspricht mir eine Bodenmatte in einem Schlafsaal und eine warme Dusche. Nach der warmen Dusche höre ich, wie in der Küche Tisch gedeckt wird, die Pilger lachen ausgelassen und plaudern fröhlich durcheinander. Kurz vor der Nachtruhe geht noch der Pater durch die Säle und zählt die Pilger. Es schaut so aus, als würde ein Vater noch einmal nach den Kindern sehen – unaufgeregt und liebevoll. Gut, dass ich in Viana weitergegangen bin, vielleicht wäre ich dort aus dem Stockbett gefallen.

Santiago Real Notunterkunft

 

Sechster Tag, Logroño – Ventosa

 Am nächsten morgen bin ich früh auf. Die herztüchtige Ordenschwester hat noch Kakao, Baguette und Marmelade für die Pilger gerichtet - und wieder ist alles gratis. Ich verabschiede mich so freundlich wie möglich. Zurück auf dem Camino, zieht mittags ein Unwetter über das Land und ich suche Schutz im Foyer einer Herberge in Navarette. Ich überlege lange, ob ich die Etappe für diesen Tag nicht abbrechen soll. Der schnauzbärtige Herbergsvater drängt mich nicht, sondern schmiert sich derweilen ein Serrano-Brötchen nach dem anderem. Er schmunzelt und kaut weiter, als ich mich schließlich für den Weitermarsch nach Ventosa entscheide. Mit dem Regenschirm übers Land, komme ich mir vor wie ein buddhistischer Wandermönch. In Ventosa angekommen, lässt sich mein Problem mit den Blasen an beiden Füssen nicht länger ignorieren.

Ich trete in die Herberge San Saturnino ein und die Frage nach einem Bett gestaltet sich als Schicksalsfrage, denn ich könnte keinen Schritt mehr weitergehen. Doch alles geht gut und ich bekomme ein Bett im selben Schlafsaal, in dem sich schon die grummeligen Franzosen von Los Arcos eingefunden haben. Später geht die Tür auf und hereinkommen die Südkoreaner. Drei Männer und eine junge Frau. Vollkommen erschöpft, sie kommen aus Viana (!), lassen sie sich auf die Betten fallen. Sie sehen aus als hätten sie mit letzter Kraft das Basislager am Mount Everest erreicht. Mit ihrer extrem professionellen Ausrüstung und ihren Gletscherbrillen, erinnern sie mich an Tintin au Tibet. Im Gegensatz zu ihnen, wirke ich wie ein Sonntagswanderer. In der Tat besitze ich kein einziges Trekking-Teil. Keine superleichte Regenjacke, kein Tourenrucksack und anstelle vernünftiger Wanderstiefel, bin ich mit Nike-Turnschuhen unterwegs. Die junge Südkoreanerin erkennt mich und schenkt mir ein freundliches Lächeln. So bestärkt, mache ich mich auf, mein wichtigstes Problem zu lösen. Ich steige hinunter ins Foyer und frage die Herbergsmutter, wo denn hier in Ventosa die Apotheke sei. Sie sagt mir, es gäbe hier nichts und erkundigt sich noch nach eventuellen Blasen. Ich gebe es zu und lasse mir von der freundlichen Frau helfen. Sie hat sogar sterile Kanülen zum Aufstechen der Blasen und Desinfektionsmittel. Ein Pflaster gibt’s auch noch - zusammen mit einer liebevollen Standpauke. Selten hätte sie einen so schlecht ausgerüsteten Pilger gesehen. Sterile Kanülen hätte gewiss nicht jeder dabei, aber ganz ohne Blasen-Pflaster loszuziehen, das sehe man selten! Als ich zurück in den Schlafsaal komme, meditiert die hübsche Südkoreanerin auf ihrem Bett, während die Begleiter in voller Montur vor sich hinschnarchen. Später am Abend, sehe ich die anmutig Meditierende noch einmal im Foyer. Dieses Mal ist sie selber eingeschlafen, an einem Tisch sitzend, den Kopf vornüber zwischen den Armen begraben. Neben ihr schnurrt ihr I-Pad, und zieht über ein langes weißes Kabel Strom aus der Steckdose. Als sie aufwacht, lächelt sie mir wieder zu. Wir plaudern ein bisschen - so gut es unsere Englisch erlaubt. Ich erfahre, dass sie im wesentlichen vier Dinge macht: wandern, meditieren, schlafen und auf ihrem I-Pad surfen. Fasziniert höre ich ihr zu und bewundere ihr Leben.     

 l'auberge fraîche IMG_3216

  

Siebter Tag, Ventosa - Santo Domingo de la Calzada

 Relativ schnell bin ich am nächsten Tag in Najera, ein kleines farbloses Dorf mitten im Rioja. Es ist erst Mittag und irgendwie zieht es mich nicht in die albergue. So beschließe ich den Weitermarsch. Als ich um halb vier in Ciruena ankomme, möchte ich dort aber auch nicht bleiben, vor allem, weil die albergue in der nähe eines anonymen spanischen Feriendorfes mit Golfplatz liegt. So entscheide ich mich, noch einmal sechs Kilometer bis nach Santo Domingo de la Calzada zu laufen. Dieses Mal reserviere ich aber vorher telefonisch in der Herberge, um nicht wieder ein Übernachtungsfiasko wie in Logroño zu erleben. Das ständige reservieren, lehne ich eigentlich ab, aber wenn es später wird, sollte man sich die Mühe machen.

 Die letzten sechs Kilometer geraten zu einem echten Leidensweg, denn die Blasen haben sich wieder prall gefüllt und eigentlich müsste ich abbrechen. Mein letzter Ratschluss liegt in einer riesigen Ibuprofen-Tablette, die ich mit dem restlichen Wasser hinunterspüle. Durch die „Akut“-Variante, bin ich zehn Minuten später wieder schmerzfrei und komme mir vor wie ein Fußballspieler, den man nach einer Eisspray-Behandlung zurück auf den Rasen schubst.

Weizenfelder im Rioja

 In Santo Domingo komme ich in die größte Herberge, die ich bis dahin gesehen habe. Es gibt allerlei Extras wie Computerraum, Gemeinschaftsküche und vieles mehr. Mit letzter Kraft sehe ich mir die berühmte Kathedrale an, in der eine Ausstellung über Sakralgegenstände zu sehen ist. Zurück in der Mega-albergue, koche ich mir etwas in der Gemeinschaftsküche. Es geht zu wie im Taubenschlag. Wie bei den meisten, gibt es auch bei mir Spaghetti mit Tomatensoße. Neben mir macht ein junger Spanier ein Omelett mit angeschwitzten Zucchini und Zwiebeln. Das verdient Respekt. Mein Essen teile ich mit einem jungen Paar, das sich auf dem Camino kennengelernt hat und das ich schon aus Logroño kenne. Ein ungleiches Paar; der junge Mann, ein dünnlicher Mexikaner, spricht das Englisch nicht übersetzter US-Serien. Das Mädchen kommt aus Alaska, liebt Süßes und ist eigentlich zu groß und zu kräftig für ihren neuen Freund. Dennoch scheinen sich die beiden gut zu fühlen. Ich freue mich über ihr Glück. Am Nebentisch hat sich eine deutsche Familie Abendbrot mit spanischer Note gemacht. Sie haben sogar Resopal-Brettchen und alles sieht ganz perfekt aus. An einem anderen Tisch scheint eine Gruppe Jungs die Pilgerschaft mit einem Ibiza-Urlaub zu verwechseln. Sie grölen, werden aber dann leiser, als der schwere spanische Wein zu wirken beginnt. Ein junges chinesisches Pärchen, das ich vergebens um einen Korkenzieher nachfrage, findet alles sehr sonderbar und schaut nur irritiert in die Szenerie. So geht der Tag zu Ende.  

 Domingo de la Calzada   Romanische Marienfigur   texte biblique

 

Achter Tag, Santo Domingo de la Calzada – Belorado

 Die letzte Fuß-Etappe meiner Reise führt mich nach Belorado. Mittags treffe ich eine junge Texanerin. Sie ist eigentlich mit ihrer Mutter unterwegs. Diese ist aber zwei Tagesmärsche zurückgefallen, weil sie ihren schlimmen Rücken kurieren muss. Wir lernen uns in einem aufgegebenen Dorf kennen. Sie hilft mir den Weg zu finden und bietet mir Früchte und Nüsse an. Wir sprechen über amerikanische Reisende in Europa, über Politik und natürlich über Gott und Welt. Ich verteidige meine Ansicht, dass ein öffentliches Krankenversicherungssystem nicht zwangsläufig in den Kommunismus führt, und dass kostenlose Bildung eigentlich ein Grundrecht ist. In Redecilla del Camino trennen sich unsere Wege wieder relativ schnell, obwohl wir doch einiges besprochen haben. 

Am Nachmittag komme ich dann in Belorado an. Ich suche mir die beste albergue – drei Jakobsmuscheln im Reiseführer! An der Rezeption sitzt ein Double der spanischen Königin Laetitia. Ihr Englisch ist zwar ein bisschen gelispelt, aber ansonsten makellos. In der albergue gibt es auch einen kleinen Garten mit frischem Grün. Die Pilger entspannen sich.  Zwei junge Männer waschen und falten ein rotes Schlauchboot. Die Küche ist eingerichtet, als würde Jamie Oliver hier gleich eine Folge über Südfrankreich drehen, und passend zum Interieur stehen auch schon zwei französische Pilger am Herd. Gebratener Speck macht halt schon sehr Appetit, wenn man den ganzen Tag unterwegs war. Umso mehr, wenn man Mittags nur Früchte und Nüsse mit nordamerikanisches pilgrims geteilt hat. Der Speck macht Lust auf mehr und schon stehe ich beim carnicero des nächsten Supermarktes. Mein Mahl fällt lukullisch aus und ich esse auch wirklich alles auf, sogar die vier Joghurts, die man nicht einzeln kaufen konnte. Schokolade schmilzt in der Sonne und muss schnell verzehrt werden. Mit hereinbrechender Dunkelheit liege ich zum letzten Mal in meinem Pilgerbett und sehe mir auf dem Handy eine Reportage über Zen-Buddhismus im winterlichen Japan an. So viel fasten und meditieren muss sehr anstrengend sein.

 

Neunter Tag, Belorado – Burgos

Burgos

 Am letzten Tag muss ich den Bus nehmen, um in Burgos rechtzeitig den Zug nach Frankreich zu erwischen. Morgens um 6:30 steige ich ein und spare mir eine 24km-Etappe. Der Preis des Bustickets erschrickt mich. Zwei Euro achtzig für eine Tagesetappe. Für weniger als drei Euro, kann man sich also Blut und Schweiß sparen und sitzt bequem. Die Landschaft zieht an mir vorbei. Im Bus sitzen nur wenige Fahrgäste. Ab und zu führt die Straße entlang des Camino, wo ich die Pilger sehe. Ich werde ein wenig schwermütig. Wie gerne wäre ich jetzt bei ihnen, würde Erfahrungen und Hoffnungen austauschen. Sie laufen alleine, zu zweit, in Gruppen. Sie laufen bald schnell, bald gemächlich, einige humpeln. Aber meine Zeit ist für dieses Mal zu Ende. Dennoch bin ich glücklich, sehr glücklich. Der Camino hat mich aufgerichtet, mich getröstet und mir viele nette Kontakte geschenkt. Das unbeirrte Laufen nach vorne, zum nächsten Ziel, hat mich fortdauern weitermachen lassen, solange bis sich hinter mir ein Weg abgezeichnet hat, mein Weg. Der Alto del Perdón war gar kein Problem, ich habe ihn mit Kraft erstiegen und bin mit Freude wieder hinunter. Auf dem Gipfel gab es einen Stempel mit Sternen. „Stars,...stars“.